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Stadt Apolda (Druckversion)

Der Glockengruß

Der Glockenguß

Die Kulturgeschichte der Glocke

Das Apoldaer Glockenmuseum - 1952 gegründet - zeigt die Kulturgeschichte der Glocke von den Anfängen bis zur Gegenwart in fünf Abteilungen. Die möchten wir Ihnen hier genauer erläutern

1. Glockenarchäologie im Raum 1

Bereits in der frühen Urgesellschaft benutzte der Mensch Klappern und Rasseln zur akustischen Begleitung kultischer Handlungen. Rasseln aus gebranntem Ton finden sich in allen Kulturen. Die Entwicklung der Metallglocke war abhängig vom Stand der Metallurgie. Die anfangs kleine Metall-glocke kommt deshalb zu verschiedenen Zeiten bei all jenen Völkern vor, die Metall zu bearbeiten verstanden. Ursprünglich dienten die Glöckchen der Beschwörung oder der Abwehr von Geistern und Dämonen. Zu diesem Zwecke versah man Kultgeräte damit, schmückte man Reit- und Opfertiere oder sich selbst mit Glöckchen und gab sie Gräbern bei. In der antiken Welt des Mittelmeerraumes wurden kleine Glocken auch als Signalgeber im öffentlichen und häuslichen Leben verwendet.

2. Die Entwicklung der europäischen Turmglocke im Raum 2 bis 6

Bild: Entstehung einer Glocke

Die Entwicklung der Turmglocke ist eng mit der Verbreitung des Christentums und der Entfaltung der sakralen Architektur verbunden. Anfangs goß man Glocken in den Klöstern, seit dem 13. Jh. übten wandernde, am Bestimmungsort arbeitende Glockengießer das Handwerk aus. Die Gestalt der Turmglocken war zunächst häufigen Veränderungen unterworfen. Erst mit der Einführung des Mantelabhebverfahrens konnten sie nach berechenbaren Maßstäben geformt werden. Bis zum 14. Jh. dominierte die Majuskel-Inschrift auf den Glocken, figürlicher Dekor wurde nur sparsam angebracht.

Der kirchliche Glockengebrauch begann schon in frühester Zeit mit der Weihe und der Namens-gebung. Das Läuten besorgte anfänglich der Kirchenvorsteher selbst, später wurde das Amt des Glöckners, Kirchners oder Küsters geschaffen, der wiederum bei einem großen Geläute Gemeindemitglieder zu Hilfe nahm.

Die ältesten Funktionen der christlichen Glocke sind der Ruf zur Zusammenkunft und die Auf-forderung zum Gebet. Hinzu treten kennzeichnende Aufgaben innerhalb der Liturgie und anderer kirchlicher Handlungen wie Taufe, Trauung und Beerdigung. Neben Handglocken für liturgische Zwecke gab es im Mittelalter Handglockenspiele als Musikinstrumente.

Im ausgehenden Mittelalter wandelte sich der soziale Stand der Glockengießer entscheidend. Sie erhielten zunehmend Aufträge für den Guß von Kanonen und gründeten mehr und mehr feste Gießhütten.

Gestalt und klangliche Qualität der Glocken erreichten ihren Höhepunkt. Die spätmittelalterlichen Glocken sind mit Minuskel-Inschriften, mit Medaillons und anderen kleinen Reliefs sowie mit Ornamenten aus der mittelalterlichen Pflanzensymbolik verziert. Im 16. Jh. beginnt sich die Antiqua als Schrift durchzusetzen, die Ornamente zeigen Zierformen der Renaissance.

Die Glocken erfüllten neben ihren liturgischen Funktionen auch profane Aufgaben und waren über viele Jahrhunderte ein wichtiges Kommunikationsmittel. Sie dienten zum Aufruf der Bürger, zur Ankündigung und Kennzeichnung bedeutender Ereignisse des Alltags, zur Zeiteinteilung und Zeitangabe sowie als Alarm- und Notsignal. Im Bauernkrieg waren sie ein unentbehrliches Signalinstrument.

Handglocken gab es im 15./16. Jh. in Haushalt und Gewerbe. Sie wurden als Warnsignal in Pestzeiten verwendet oder als Gewandschmuck getragen.

Die berühmteste Glocke dieser Zeit ist die 1497 in Erfurt gegossene Gloriosa des Erfurter Doms. Im 17. und 18. Jh. arbeiteten neben den ortsfesten Gießereien weiterhin auch wandernde Gießer. Besonders die Lothringer Wandergießer waren für die deutschen Glockengießer eine große Konkurrenz. 1722 begann mit der Gründung der Glockengießerei von J. Ch. Rose der Glockenguß in Apolda. Diese Gießerei übernahm 1759 J. G. Ulrich aus Laucha/Unstrut.

Die Glocken des 17./18. Jh. sind mit plastischem Barock und Rokokodekor und umfangreichen Inschriften geschmückt. Die Glocke spielte eine bedeutsame Rolle im Aberglauben. Einer geweihten Glocke und ihrem Zubehör schrieb man große magische Kräfte zu. Vom Glockenklang glaubte man jahrhundertelang, daß er Unwetter vertreiben könne.

Auch Glocken an Haus- und Herdentieren hatten ursprünglich eine Schutzfunktion, dienten aber zugleich als Orientierungszeichen freiweidender Tiere.

Die berühmteste Glocke des 18. Jh. und zugleich die größte und schwerste der Welt ist der 1735 gegossene Zar Kolokol im Moskauer Kreml.

Das 19. Jh., das Zeitalter der industriellen Revolution, brachte technische Verbesserungen und neue Hilfsmittel für die Glockengießer. Geschütze wurden in den Glockengießereien nicht mehr gegossen, dafür erhielten sie dank der zahlreichen Kirchenneubauten Ende des 19. Jh. viele Aufträge für Glocken. In Apolda ließ sich 1826 eine weitere Glockengießerei nieder, die von C. F. Ulrich. Während sie sich bis zum Ende des 19. Jh. zu einer der führenden Glockengießereien Deutschlands entwickelte, mußte die ältere Gießerei Gebr. Ulrich 1902 Konkurs anmelden.

Zu Beginn des 19. Jh. wurden die Glocken noch in der Tradition des 18. Jh. verziert. Glocken aus der zweiten Hälfte des 19. Jh. zeigen neogotischen und neobarocken Dekor.

Neben den Kirchenglocken gab es in den unterschiedlichsten Bereichen große und kleine Glocken als Signalgeber: in der Schiffahrt, im Bergbau, auf Gutshöfen, in Fabriken und Wohnhäusern und auch im Verkehrswesen.

Turmuhrglocken dienen noch heute der akustischen Zeitübermittlung und erfüllen damit die gleiche Funktion wie die Schlagwerke in Uhren für den häuslichen Gebrauch. Die Verwendung mehrerer Glocken für den Uhrschlag führte zur Entwicklung des Turmglockenspiels, das sowohl automatisch über eine Walze als auch handgespielt zum Klingen gebracht werden kann.

Die berühmteste Glocke des 19. Jh. ist die 1858 in London gegossene Stundenglocke "Big Ben" im Uhrturm des Londoner Parlamentsgebäudes.

Altes Foto: Eine fertige Glocke

In Europa gab es zu Beginn des 20. Jh. viele Glockengießereien. Der erste und der zweite Weltkrieg mit ihren Nachwirkungen verringerten ihre Anzahl beträchtlich. In Apolda baute Heinrich Ulrich 1910 die Gießerei Gebr. Ulrich wieder auf, die 1923 die große Kölner Domglocke goß. 1948 schloß diese Gießerei. Die Firma C. F. Ulrich, seit 1910 Franz Schilling Söhne, führte bis zu ihrer Stillegung 1988 u.a. die zu Ende des 19. Jh. begonnene Tradition der Herstellung von Glockenspielen weiter. Der Glockendekor des 20. Jh. zeigt keine kontinuierliche Stilentwicklung. In den zwanziger und dreißiger Jahren setzte sich vorübergehend eine Gestaltung durch, die schriftbetont, sachlich und sparsam in der Verwendung von Ornamenten ist.

Seit der Erfindung von Kanonen bestand eine enge Wechselbeziehung zwischen Glocke und Kanone, die sich bis zum zweiten Weltkrieg verfolgen läßt. Glocken wurden zu Kriegszwecken eingeschmolzen, nur selten jedoch sind Kanonen zu Glocken verarbeitet worden. Nach dem zweiten Weltkrieg erhielt die Glocke eine neue Funktion als Friedensglocke. Die berühmteste Glocke des 20. Jh. ist die 1923 in Apolda gegossene St. Petersglocke des Kölner Doms.

3. Die Herstellung der Glocken, ihr Weg aus der Gießerei in den Turm und das Läuten im Raum 7 und 8

Bild: Die Herstellung der Glocken

Der beste Glockenwerkstoff ist Bronze aus 78 % Kupfer und 22 % Zinn. Eisenglocken gibt es seit dem 17. Jh., Stahlglocken seit der Mitte des 19. Jh.

Das älteste Verfahren zur Herstellung von Turmglocken ist das Wachsausschmelzverfahren. Im 12. Jh. wurde es vom Mantelabhebverfahren abgelöst, das eine genaue Klangberechnung ermöglichte.

Die Glockenform besteht aus dem Kern, der falschen Glocke und dem Mantel. Das Lehmmodell wird nach einer vom Glockengießer entworfenen Schablone gefertigt, die dem inneren und äußeren Profil der künftigen Glocke entspricht.

Die falsche Glocke, die zunächst den Hohlraum für den Guß ausfüllt, wird nach dem Hochziehen des Mantels vom Kern abgeschlagen. Ist der Mantel wieder auf den Kern gesetzt und die Kronenform angebracht, wird das Gußmodell in der Gießgrube mit Erde eingedämmt. Es bleiben zwei Öffnungen zum Entweichen der Luft und das Eingußloch, von dem aus der Gußkanal zum Schmelzofen ge-mauert wird. Nach dem Guß und dem Abkühlen wird die fertige Glocke ausgegraben, von Kern und Mantel befreit, entgratet und blankgeputzt. Es folgt die Klangprüfung, nach der Klangkorrekturen durch Ausschleifen vorgenommen werden können.

Zum Zubehör einer Glocke zählen Klöppel, Joch und Glockenstuhl. Die Klöppel bestehen aus geschmiedetem Eisen, ihr Gewicht macht ca. 4 % des Glockengewichts aus. Joche und Glocken-stühle waren jahrhundertelang aus Holz, seit dem Ende des 19. Jh. werden sie vorwiegend aus Eisen und Stahl gefertigt.

Anfänglich waren die Glocken in ebenerdigen Holzkonstruktionen, in Giebeln und Dachreitern aufgehängt. Daraus entwickelten sich unterschiedliche Architekturformen zur Aufnahme der immer zahlreicher und schwerer werdenden Glocken. In Italien entstand der Campanile, in Rußland die Glockenwand. In Westeuropa kam es zu einer Verbindung von Kirche und Turm, der auch als Glockenträger diente.

Glocken können durch Hin- und Herschwingen, aber auch durch Klöppelanschlag in ruhendem Zustand geläutet werden. Diese Läutearten haben sich territorial unterschiedlich herausgebildet, wobei auch die verschiedenen Anlässe des Läutens eine Rolle spielten. Regionale Besonderheiten sind das englische change ringing, bei dem eine Glocke nach der anderen ertönt, wobei ständig ihr Platz in der Reihenfolge gewechselt wird, und das Glockenschlagen in der russisch-orthodoxen Kirche, bei dem die starr aufgehängten Glocken nur durch Bewegen der Klöppel zum Klingen gebracht werden.

Bei längerem Gebrauch kann es zu Verschleißerscheinungen oder Sprüngen an den Glocken kommen, die sich meist durch Reparaturen beheben lassen.

4. Außereuropäische Glocken im Raum 9 und 10

In China gab es schon im 2. Jahrtausend v.u.Z. klöppellose Bronzeglocken, die im Wachsausschmelzverfahren gegossen wurden. Die typische Glocke Ostasiens hat einen reichen plastischen Dekor und kultische Inschriften; angeschlagen wird sie von außen. In den unterschiedlichen Kult- und Religionsformen wie auch im Alltag erfüllt sie die vielfältigsten Funktionen.

Die berühmteste Glocke Ostasiens ist die Glockenkönigin im Tempel der Großen Glocke in Peking aus der 1. Hälfte des 15. Jh.

In Südasien, Südostasien und Zentralasien war und ist die Glocke ein vielgebrauchtes Kult-, Musik- und Signalinstrument.

Hindus und Buddhisten benutzen bei ihren täglichen Zeremonien Handglocken. Glöckchen an den Dächern von Tempeln und Pagoden dienen der Geistervertreibung. Weitverbreitet ist das Tragen von Schellen und Glöckchen an Körper und Kleidung; ebenso häufig kommen Tierglocken vor. In Afrika sind Glocken nur im westlichen und im zentralen Teil in Gebrauch. Im alten Benin-Reich gab es zwar Bronzeglocken, typisch für Afrika ist jedoch die geschmiedete Eisenglocke. Auch hier wird sie wegen ihrer angeblich magischen Kraft hauptsächlich als Kultinstrument bei Geisterbeschwörungen, Krankenheilungen usw. verwendet.

Rasseln und Schellen sind auch in allen alten Kulturen Amerikas nachweisbar. Auf dem Gebiet des heutigen Mexiko stellte man im 1. Jahrtausend Kupferglocken her, die auch in benachbarte Regionen exportiert wurden. In den Hochkulturen der Mayas, Inkas und Azteken waren Rasselstäbe und Schellengehänge aus Kupfer, Silber und Gold als Schmuck wie auch als Kultinstrumente gebräuchlich.

5. Glocken in Kunst, Literatur und Sprache im Raum 11

In der Musik werden Glocken und Glöckchen entweder original eingesetzt oder durch andere Instrumente nachgeahmt. Glockenspieltöne erzeugt man auf Orchesterglockenspielen wie der Stahlharmonika. Turmglockenklänge imitiert man durch Anschlagen von Metallplatten oder -röhren. In der Malerei, Grafik und Plastik finden sich zahlreiche Glockendarstellungen, die mehr oder weniger symbolische Bedeutungen haben. In Verbindung mit einer Sanduhr dargestellt, versinnbildlicht eine Glocke z.B. Vergänglichkeit und Tod. In Märchen und Sagen und in der Belletristik nehmen Glocken unterschiedlichste Funktionen war. Auch im alltäglichen Sprachgebrauch wird das Wort Glocke häufig benutzt, so im Sprichwort und in Wortbildungen, die sich auf die Form oder den Klang beziehen.

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